Journalismus im KI-Zeitalter: ein Weckruf an die Politik
Der Reuters Institute Digital News Report 2026 zeigt für die Schweiz ein ambivalentes Bild: Das Vertrauen in journalistische Medien bleibt deutlich höher als jenes in Suchmaschinen, soziale Medien oder KI-Chatbots. Gleichzeitig sinken Nachrichteninteresse, Reichweiten traditioneller und digitaler Kanäle sowie die Zahlungsbereitschaft für Online-News. Diese Entwicklung ist mehr als ein Branchenproblem. Sie betrifft die demokratische Öffentlichkeit der Schweiz – und damit unmittelbar die Politik.
Besonders deutlich wird dies beim Blick auf die jüngeren Zielgruppen. Während sich insgesamt noch 49 Prozent der Schweizer Bevölkerung stark für Nachrichten interessieren, sind es bei den 18- bis 24-Jährigen nur noch 34 Prozent. Gegenüber dem Vorjahr ist das ein Rückgang um 10 Prozentpunkte. Zugleich nutzen bereits 20 Prozent dieser Altersgruppe KI-Chatbots zu Newszwecken. Insgesamt liegt dieser Wert heute bei 10 Prozent der Bevölkerung – noch relativ tief, aber mit klar steigender Tendenz.
Zero-Click-Problematik verschärft sich
Damit rückt eine Entwicklung ins Zentrum, die für den Journalismus existenziell werden kann: die Zero-Click-Problematik im KI-Zeitalter. So zeigen weitere Studien, dass Nutzerinnen und Nutzer bei Suchmaschinen wie Google in über 70% der Fälle nicht auf die Originalquelle klicken. Bei KI-Chatbots sind es sogar über 99%. Wenn KI-Chatbots künftig für breite Bevölkerungskreise zum selbstverständlichen Zugang zu Nachrichten werden, nimmt der Schaden für den Journalismus und die gesamte Kreativbranche weiter zu - bis zum vollständigen Kollaps der Geschäftsmodelle.
Journalistische Inhalte werden genutzt, zusammengefasst und weiterverbreitet – ohne dass die Nutzerinnen und Nutzer noch zur ursprünglichen Quelle zurückfinden. Für die Medien bedeutet dies weniger Sichtbarkeit, weniger Reichweite, weniger direkte Beziehung zum Publikum und letztlich weniger Ertrag. Dies ist besonders störend vor dem Hintergrund, dass KI-Anbieter journalistische Inhalte als Basis für ihre Produkte ungefragt und unbezahlt verwenden.
Vertrauen in journalistische Medien trumpft auf
Gerade deshalb ist der Befund zum Vertrauen so zentral. 42 Prozent der Befragten sagen, man könne dem Grossteil der Medien meistens vertrauen. Das ist deutlich mehr als bei Suchmaschinen, sozialen Medien oder KI-Chatbots. Journalistische Medien bleiben damit der wichtigste Vertrauensanker im Informationsraum. Sie recherchieren, prüfen, gewichten, ordnen ein und übernehmen publizistische Verantwortung. KI-Systeme können Informationen verarbeiten, aber sie ersetzen keine Redaktionen, keine Quellenarbeit und keine Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit.
Diese Unterscheidung ist für die Schweiz besonders wichtig. Die direkte Demokratie lebt davon, dass Bürgerinnen und Bürger Zugang zu verlässlichen Informationen haben. Abstimmungen, Wahlen und politische Meinungsbildung setzen voraus, dass unterschiedliche Perspektiven sichtbar sind, dass Macht kontrolliert wird und dass Debatten nicht allein von Plattformlogiken, Empörung oder algorithmischer Verwertung geprägt werden.
Unabhängige private Medien erfüllen zentrale Funktion
Umso wichtiger sind private, unabhängige Medien, die einen zentralen Beitrag zur Grundversorgung, publizistischen Vielfalt, regionalen Verankerung sowie dem Wettbewerb der Perspektiven und unabhängigen Kontrolle in Gemeinden, Kantonen, Wirtschaft, Kultur und Politik leisten. Wer Medienvielfalt ernst nimmt, darf deshalb nicht nur über öffentliche Medien sprechen. Er muss die wirtschaftliche Tragfähigkeit privater journalistischer Angebote ebenso ins Zentrum der Medienpolitik stellen.
Der Digital News Report macht deutlich, dass diese Tragfähigkeit unter Druck steht. Print hat seit 2016 massiv an wöchentlicher Nutzung verloren, auch TV und Radio gehen zurück. Gleichzeitig verlieren selbst digitale Kanäle an Reichweite. Die Zahlungsbereitschaft für Online-Medien ist nach einem Zwischenhoch wieder gesunken und liegt bei 19 Prozent. Damit verschärft sich ein strukturelles Problem: Journalismus wird gesellschaftlich gebraucht, aber im digitalen Markt immer schwieriger finanziert.
Klarer Handlungsauftrag an die Politik
Erstens braucht die Schweiz eine mittel- und langfristig tragfähige Medienförderung. Die temporäre Stärkung der indirekten Presseförderung war ein wichtiger Schritt, aber sie reicht nicht aus, um die Transformation der Medienlandschaft nachhaltig abzusichern. Notwendig ist eine rasche Auslegeordnung, welche Instrumente künftig die Informationsversorgung in allen Regionen sichern, ohne die redaktionelle Unabhängigkeit zu gefährden.
Die Ausgestaltung der zukünftigen Medienförderung muss auf die publizistische Leistung und die Marktentwicklungen Rücksicht nehmen, die journalistische Unabhängigkeit wahren und kanal- und geschäftsmodellunabhängig sein. Das Ziel muss sein, die Vielfalt und Qualität der Informationsversorgung zu erhalten – gerade dort, wo journalistische Angebote wirtschaftlich besonders unter Druck geraten.
Medienkompetenz endlich in den Fokus rücken
Zweitens muss Medienkompetenz endlich als zentrales demokratiepolitisches Thema behandelt werden. Der Rückgang des Nachrichteninteresses bei jungen Menschen ist ein Warnsignal. Es genügt nicht, Jugendliche mit Plattformen, Influencern, Suchmaschinen und KI-Chatbots allein zu lassen und später über Desinformation zu klagen.
Nachrichtenkompetenz muss verbindlich in der Bildung verankert, koordiniert finanziert und wissenschaftlich begleitet werden. Dazu gehören konkrete Angebote in Schulen, niederschwellige Zugänge zu journalistischen Medien oder Organisationen wie UseTheNews oder YouMedia, die junge Menschen an verlässliche Informationsangebote heranführen. Medienkompetenz ist Teil der demokratischen und sicherheitspolitischen Resilienz der Schweiz.
Schutz des Geistigen Eigentums sicherstellen
Drittens braucht es jetzt ein wirksames Leistungsschutzrecht. Wenn Suchmaschinen, News-Aggregatoren und Plattformen journalistische Inhalte kommerziell verwerten, muss dafür eine faire Vergütung entrichtet werden. Es geht nicht darum, das freie Internet einzuschränken. Es geht darum, einen fairen Interessenausgleich herzustellen: Wer mit journalistischen Leistungen Geld verdient, darf diese Leistungen nicht gratis abschöpfen. Die Schweiz braucht dafür klare, durchsetzbare und praxistaugliche Regeln.
Dieses Anliegen wurde in der vergangenen Sommersession mit der vom Parlament bereits verabschiedeten Motion Gössi zusammengeführt – und soll nun rasch und griffig umgesetzt werden. Denn die Nutzung journalistischer Inhalte durch KI-Anwendungen verschärft die bestehende Problematik erheblich. KI-Systeme benötigen qualitativ hochwertige Inhalte, um nützliche Antworten liefern zu können.
Urheberrecht ans KI-Zeitalter anpassen
Wenn KI-Anbieter journalistische Inhalte ohne Zustimmung, Transparenz und Vergütung nutzen, wird die Grundlage zerstört, auf der sie selbst aufbauen. Das Urheberrecht muss deshalb auch im KI-Zeitalter gelten. Es braucht klare Regeln für die Nutzung geschützter Werke, Transparenz über verwendete Inhalte, wirksame Durchsetzung und faire Abgeltung. Das schafft nicht nur Schutz für Medien und Kreative, sondern auch Rechtssicherheit für Technologieanbieter.
Der Digital News Report 2026 zeigt nicht nur einen Wandel der Mediennutzung. Er zeigt eine demokratiepolitische Wegscheide. Die Menschen vertrauen journalistischen Medien deutlich stärker als Plattformen und KI-Chatbots. Gleichzeitig verlieren diese Medien an Reichweite, Ertrag und direktem Zugang zum Publikum. Vertrauen allein finanziert jedoch keinen Journalismus – ohne ohne Finanzierung gibt es auf Dauer auch kein Vertrauen mehr, das auf unabhängiger Recherche, professioneller Prüfung und publizistischer Verantwortung beruht.
Die Politik hat es in der Hand, jetzt zu handeln
Die Schweiz hat jetzt die Möglichkeit, rechtzeitig zu handeln: Medienförderung, Medienkompetenz, Leistungsschutzrecht und KI-Regulierung sind keine isolierten Dossiers. Sie gehören zusammen. Sie bilden die Grundlage dafür, dass unabhängiger Journalismus auch im KI-Zeitalter sichtbar, finanzierbar und wirksam bleibt. Die Politik hat es in der Hand, mit entsprechenden Rahmenbedingungen sicherzustellen, dass private unabhängige Medien auch in Zukunft ihre unverzichtbare Rolle erfüllen können.
Kontakt
Pia Guggenbühl, Direktorin VSM, E-Mail anzeigen, 079 566 60 10